Hölderlin-Kalender, 1. Woche
Tage kommen und gehn, ein
Jahr verdränget
das andre, Wechselnd und streitend; so tost furchtbar vorüber die Zeit Über sterblichem Haupt, doch nicht vor seligen Augen, Und den Liebenden ist anderes Leben gewährt. Denn sie alle die Tag' und Stunden und Jahre der Sterne Und der Menschen, zur Lust anders und anders bekränzt Fröhlicher, ernster, sie all', als echte Kinder des Äthers Lebten, in Wonne vereint, innig und ewig um uns. Aber wir, unschädlich gesellt, wie die friedlichen Schwäne, Wenn sie ruhen am See, oder, auf Wellen gewiegt, Niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich spiegeln, Und das himmlische Blau unter den Schiffenden wallt, So auf Erden wandelten wir. Und drohte der Nord auch, Er, der Liebenden Feind, sorgenbereitend, und fiel Von den Ästen das Laub und flog im Winde der Regen, Lächelten ruhig wir, fühlten den Gott und das Herz Unter trautem Gespräch, im hellen Seelengesange, So im Frieden mit uns kindlich und selig allein. |
aus "Elegie" (1800)
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